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  • Yvonne Engelmann

Alles ist Veränderung

Die Sache mit dem Schmetterling

Ein Wissenschaftler beobachtete einen Schmetterling und sah, wie sehr sich dieser abmühte, durch das enge Loch aus dem Kokon zu schlüpfen. Stundenlang kämpfte der Schmetterling, um sich daraus zu befreien. Da bekam der Wissenschaftler Mitleid mit dem Schmetterling, ging in die Küche, holte ein kleines Messer und weitete vorsichtig das Loch im Kokon damit sich der Schmetterling leichter befreien konnte.

Der Schmetterling entschlüpfte sehr schnell und sehr leicht. Doch was der Mann dann sah, erschreckte ihn doch sehr.

Der Schmetterling, der da entschlüpfte, war ein Krüppel: Die Flügel waren ganz kurz und er konnte nur flattern, aber nicht richtig fliegen.

Da ging der Wissenschaftler zu einem Freund, einem Biologen, und fragte diesen: "Warum sind die Flügel so kurz und warum kann dieser Schmetterling nicht richtig fliegen?"

Der Biologe fragte ihn, was er denn gemacht hätte.

Da erzählte der Wissenschaftler dass er dem Schmetterling geholfen hatte, leichter aus dem Kokon zu schlüpfen.

"Das war das Schlimmste was du tun konntest. Denn durch die enge Öffnung, ist der Schmetterling gezwungen, sich hindurchzuquetschen. Erst dadurch werden seine Flügel aus dem Körper herausgequetscht und wenn er dann ganz ausgeschlüpft ist, kann er fliegen.

Weil du ihm geholfen hast und den Schmerz ersparen wolltest, hast du ihm zwar kurzfristig geholfen, aber langfristig zum Krüppel gemacht."


Sich entfalten heißt sich anstrengen

Der Schmetterling - Sinnbild für Transformation, Veränderung und Entwicklung, die anstrengend, schmerzhaft, ein richtiger Kraftakt und voller Gefahren ist. Aber sie lohnt sich und das Ergebnis ist wunderbar. Das gilt nicht nur für die Raupe, sondern auch für den Menschen, der sich (weiter)entwickelt und gleich einem Tag- oder auch Nachtfalter, der seine Flügel ausbreitet, sich zu ent-falten versucht.

Alles ist Veränderung, alles ist Entwicklung. Der Lebensweg ist ein ständiger, sehr individueller Veränderungs- und Entwicklungsprozess, ein Kraftakt und voller Hürden, auf dem etappenweise der Blick zurückfällt, um zu schauen, was bislang schon bewältigt wurde, und um sich über das bislang Erreichte zu freuen, nur um wieder nach vorne zu schauen auf das, was an Anstrengung noch bevorstehen mag.


Anstrengung anstrengen

Dem Coaching kommt hier seine Bedeutung zu, wenn es beispielsweise darum geht, Ressourcen zu erkennen und zu aktivieren, um diese Anstrengung anzugehen.

Aber auch wenn es darum geht, Verhaltensmuster zu durchbrechen und dysfunktionale Gedanken zu hinterfragen, die als hinderlich empfunden werden mögen, um den Weg weiter und schneller voranzuschreiten. Menschen neigen dazu, meist in allerbester Absicht, diesen anstrengenden Entwicklungs- und Veränderungsprozess von Menschen, die ihnen nahe stehen, die sie besonders lieben, stellvertretend zu übernehmen. Oder, wie der Biologe es in der obigen Parabel tat, sie greifen in den Prozess auf eine Weise ein in der Annahme, etwas Gutes zu tun, dass es mehr schadet als dass es hilft. Und so manch einer findet es ja auch gar nicht so schlecht, dass ihr oder ihm diese Anstrengung erspart bleibt und abgenommen wird. Dies lässt sich bei Eltern und ihren Kindern beobachten, bei Lehrkräften und ihren Schülerinnen und Schülern, in Arbeitsbeziehungen, in Freundschaften und Partnerschaften, ist aber auch in der Beziehung zwischen Coach und Coachee denkbar, wenn den Prinzipien der Neutralität, der Hypothesenbildung und der Autonomie nicht Rechnung getragen wird.


Das Schicksal des Schmetterlings weist darauf hin, dass dieser Entwicklungs- und Transformationsprozess von niemandem stellvertretend übernommen bzw. durchlaufen werden kann. Er kann auch nicht abgekürzt, reduziert oder durch einen Kniff erleichtert werden. Es braucht die Anstrengung. Jeder muss diese Kraftanstrengung selbst auf sich nehmen, die unangenehm sein mag und vielleicht gerade deshalb nicht selten vermieden, umgangen oder ignoriert wird, die aber erforderlich ist, wenn eine Entwicklung, eine Veränderung und eine volle Entfaltung gelingen soll.


Stärkung der Frustrationstoleranz und Anstrengungsbereitschaft

Zugeben: Es ist ein Balanceakt. Auf der einen Seite ist das Bewusstsein dafür, dass es diese Anstrengung braucht und dass der Entwicklungs- und Veränderungsprozess individuell und ohne Interventionen erfolgen sollte, die destruktiv wirken könnten. Andererseits ist es uns ein Anliegen, zu helfen, zu unterstützen und es kann eine sehr erfüllende Aufgabe sein, diesen Prozess, den ein Mensch durchläuft, zu begleiten, bei dem man nicht einfach nur zusehen, sondern auf irgendeine Weise auch wirksam sein und Einfluss nehmen möchte.


So gilt es zunächst, die diesen individuellen Veränderungs- und Entfaltungsprozess möglich machenden Rahmenbedingungen zu schaffen, was an sich bereits eine nicht zu unterschätzende Herausforderung ist.

Zu diesen Rahmenbedingungen gehört mitunter eine entsprechende Haltung, die den anderen sich auch tatsächlich entwickeln lässt. Auch das kann ein Entwicklungsprozess bedeuten, der mit Anstrengungen verbunden ist.

Von besonderer Bedeutung scheint es aber, die Bereitschaft, sich selbst anzustrengen, zu fordern und zu fördern, und zu lernen, den Frust bei Misserfolgen auszuhalten und es erneut, dann eben auf eine andere Weise zu versuchen, wenn etwas nicht sofort klappt, statt die Ursachen für den sich nicht einstellenden Erfolg bei dem Anderen zu suchen, die Anstrengung aus einer falsch verstandenen Fürsorge heraus abzunehmen oder die Anstrengung gleich ganz zu vermeiden. Sich entwickeln und entfalten zu wollen, heißt auch, Rückschläge zu antizipieren und aushalten zu können, sich im Vertrauen auf seine Fähigkeiten und bestärkt durch den Wunsch nach einer Weiterentwicklung zuversichtlich auf die nächsten Schritte zu konzentrieren.

Profitieren wird davon das Selbst, das sich in seiner Eigenverantwortlichkeit, Handlungsfähigkeit und Souveränität und in seinen Selbstwirksamkeitserwartungen gestärkt sieht. Die ganze Kraft, die nicht selten unterschätzt wird, wird so zu ihrer vollen Ent-Faltung kommen.


#Change #Veränderung #Schule #Lernen

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